Social Science Software: Standing on the shoulder of bytes?

Reference:
Schaffen Interviews Potjomkinsche Dörfer?
(2013-February-28)

Social Science Software (SoSciSo) beschäftigt sich, wie wir ja bekanntlich ständig und überall in die Welt posaunen, mit dem Softwareeinsatz im sozialwissenschaftlichen Forschungsprozess. In jeder Phase dieses Prozesses können unterschiedliche Softwarewerkzeuge bei der ein oder anderen Aufgabe behilflich sein. Und diese Hilfswerkzeuge gilt es von uns und für Euch zu sammeln und vorzustellen (Ja ja, der Beitrag wieso Microsoft Visio vielleicht das überschätzteste beste und beliebteste Visualisierungstool überhaupt ist, kommt auch noch irgendwann). In letzter Zeit allerdings haben wir an diversen Stellen feststellen dürfen, das in genau diesem Zusatz zu Werkzeuge der Teufel im Detail liegt (sofern man das nicht so sagt, bitte kurz der Redaktion dem Praktikanten Bescheid geben). Wir sagen Hilfswerkzeug, oder aber manchmal nur Werkzeug, weil wir meinen, es damit schon auf den Punkt gebracht zu haben. So sind wir bei einer Diskussion zu Software für qualitative Datenanalyse (CAQDAS) auf researchgate.net auf mehrere Kommentare dieser Art gestoßen:

“Just to say that no software package will give you any analysis in qualitative research. You have to do the analysis, a software programme like Atlas.ti or Nvivo simply helps you organise and store data in one place and provides you with the facility to code large amounts of data sets in an efficient way. However, you still have to develop codes, theoretical links and concepts yourself. As to which programme that depends largely on your personal preference and the the kind of data you have ie text/ video/ visual etc.”  (Veronika Williams auf researchgate.net)

Jo Reichertz wiederum spricht auf dem Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie von Potjomkinschen Dörfern und meint damit die anscheinend vielen scheinbaren Resultate in der Soziologie aufgrund des unreflektierten Softwareeinsatzes zur qualitativen Datenauswertung:

“Deshalb erinnert mich das, was die Soziologie heute oft (aufgrund der softwaregestützten Auswertung von fokussierten, themenzentrierten u.ä. Interviews) zu sehen bekommt, an die Dörfer, die Feldmarschall Potjomkin im Jahr 1787 vor dem Besuch der Zarin Katharina II im neu eroberten Krimgebiet entlang ihrer Wegstrecke in aller Eile errichten ließ.” (Jo Reichertz auf soziologie.de/blog )

Einerseits gebetsmühlenartige Hinweise, dass Software lediglich beim Organisieren, Ablegen und Darstellen hilft und nicht die komplette Analyse automatisch ausspuckt. Andererseits ein Qualitätsverlust, welcher vermutlich aus dem unreflektierten Gebrauch von Software resultiert. Und nun? Offensichtlich können wir mittlerweile selbst für Teile der qualitativen Forschung etwas feststellen, was uns schon lange in anderen Bereichen auffällt. Software ist nicht mehr nur das Hilfswerkzeug. Informatik ist nicht mehr nur eine Wissenschaft, die dazu da ist, anderen Bereichen zu helfen, indem sie das Sammeln, Aufbereiten, Prozessieren, Visualisieren, Speichern und, was man sonst noch alles mit Daten anstellen kann, erleichtert. Software hat sich längst von ihrer Passivität gelöst und nimmt nun aktiv Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Welt. Die Frage ist nun, wollen wir das?

Software macht vieles scheinbar einfacher. Sie erzeugt die Illusion, dass sie uns das denken abnehmen könnte, zum Teil zumindest. Dies geschieht auch wie oben erwähnt in der qualitativen Datenanalyse. Was früher in mühevoller Fleißarbeit geschah, das Entwickeln von Schlagwörtern, der Aufbau eines Kategoriebaumes, das Aufstellen und Verbinden von Konzepten geschieht heute alles per Mausklick und sollte uns unglaublich viel Zeit einsparen, worunter schlussendlich auch die Qualität der Forschung profitieren sollte. Aber macht es das? Die bereits erwähnten Zitate zeichnen hier ein anderes Bild.

Nun stellt sich die Frage, wieso ist das so? Wir können natürlich einwerfen, dass es ebenso genügend Beispiele für eine qualitativ hochwertige Arbeit mit Software gibt. Und diese gibt es tatsächlich. Anscheinend unterscheidet sich jedoch die Nutzung von Software und vielleicht die damit verbundenen Ziele maßgeblich von Nutzer zu Nutzer. Dabei sollte doch das Ziel klar sein: qualitativ hochwertige qualitative Forschung zu betreiben.

Zwei grundlegende Entwicklungen möchten wir dafür mal so spontan verantwortlich machen. Zum einen wird Software überbewertet (klingt total platt, ne). Wie anfangs erwähnt ist Software nur ein Werkzeug. Es soll helfen und es soll das Arbeiten vereinfachen und nicht gänzlich ersetzen. Wie eingangs erwähnt, erzeugt sie dadurch die Illusion uns das denken abnehmen zu können. Und genauso wie das Aufkommen der digitalen Fotografie aus ganz vielen lieben einfachen Menschen plötzlich Hobbyfotografen machte, die weit davon entfernt sind die große Kunst der Fotografie verstanden zu haben – genauso machte das Aufkommen qualitativer Datenanalysesoftware (CAQDAS) aus vielen lieben einfachen Wissenschaftlern plötzlich qualitativ Forschende, denen Interviews und deren Auswertung plötzlich als das Allheilmittel erschienen (ja ja, der Gedanke ist hier geklaut, allerdings beschäftigte uns das Thema schon seit langem, wirklich!). Das Ergebnis daraus sind weder großartige Fotos noch bahnbrechende qualitative Analysen. Ohne die Methodik oder Technik dahinter verstehen zu lernen, wird das leider auch so bleiben.

Zum anderen,  und damit begebe ich mich vermutlich etwas auf das bekannte Glatteis, ist durch die Software eine Form der Arbeitsteilung eingetreten, die wie in einigen anderen Bereichen auch, mit einem Qualitätsverlust einhergeht. So kann beispielsweise die Transkription heutzutage, 10-Finger-Schreiben und professioneller Transkriptionssoftware sei dank, recht einfach vom Forscher ausgelagert werden. Spezielle Transkriptionsdienstleister oder unterbezahlte studentische Hilfskräfte können sich dadurch der lästigen Transkription widmen.

Auch das generelle Interesse der Soziologie bzw. der Soziologen an der Informatik wurde in letzter Zeit bekräftigt.

  • verschiebt den fokus von qualitativer hin zu quantitativer methoden, zumindest mixed method (hier beispiel atlas.ti, maxqda => vielerlei quanti auswertungen möglich)
  • hypothesengenerieren hokuspokus, aber diese zu bestätigen ist der ganz große renner (siehe tendenzen in den wirtschaftswissenschaften, hin zu ökonometrie (=> siehe zB Zusammensetzung diverser forschungsgremien dort) => das kann ich aber so leider nicht schreiben wegen dem dfg antrag)
  • plädoyer/appell an den bewussten und richtigen gebrauch von software im forschungsprozess
  • durch schnelle transkription – zehn finger schreiben u umgang mit transkriptions software – kann dies als spezialisierung outgesourced werden => gefahr ähnlich einem automechaniker, der das auto nicht mehr selber fährt, um zu hören wie es -fehlerhaft- klingt, sondern einenexperten für motorengeräusche heranzieht, der aber keinerlei ahnung vom reparaturvorgang hat (vielleicht besseren vergleich finden)
  • hier wird dann immer zwischen kosten und nutzen abgewägt, was in der wissenschaft äußerst fatal ist, wissenschaft hat keinen nutzen – zumindest keinen der mit der monetären größe der kosten in den ring steigen sollte
  • in zeiten knapper und immer knapper werdender mittel für die sozialwissenschaften ist das natürlich schwierig

(Achso, wir vergaßen zu erwähnen: wem der Titel seltsam vertraut vorkommt und dabei an so etwas denkt, liegt leicht verkehrt.)

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This entry was posted on Wednesday, March 13th, 2013. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

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